Vendetta, Banditen und aktuelle Politik Korsikas

Freiheitskämpfer Pasquale Paoli

Ehre und Nationalstolz sind nach wie vor wichtige Begriffe für die Korsen. Banditen und Vendetta gehören der Vergangenheit an. Und bis aufs Äußerste gehen heutzutage nur noch radikale Anhänger der Unabhängigkeitspartei FLNC. Doch Touristen sind in keinem Fall betroffen.

Vendetta

Die Vendetta (Blutrache) beschreibt den Mord aus Ehre. Durch die jahrhundertelange Corte - Place de GafforiUnterdrückung anderer Völker und die Nicht-Anerkennung der Korsen von ausländischen Gesetzen, entwickelte sich ein eigener Gerechtigkeitssinn in der Bevölkerung. Wo nur noch die Familie zählt, konnte jede kleinste Begebenheit in einer generationsübergreifenden Blutrache ausarten. Ganze Sippen kämpften gegeneinander und ermordeten zuerst alle Männer, bis zur völligen Ausrottung ihres Geschlechts kam. Die Gerichtsbarkeit wurde bei einem Ehrenmord komplett außen vor gelassen, man verschaffte sich selber Recht und die Vendetta galt als heilige Pflicht gegenüber der Familie. So fielen im Laufe der Zeit mehr als 30.000 Menschen der Vendetta zum Opfer.

Im 18. Jahrhundert hatte Pasquale Paoli vergeblich versucht, diese Tradition auszuhebeln. Doch erst die Integrierung Korsikas in das französische Rechtssystem und die damit verbundene Möglichkeit zur Weiterbildung, ließen die alte Tradition ein wenig einschlafen. Noch heute sind die Begriffe „Ehre und Stolz“ ein wichtiges Thema auf Korsika und sollten auch von Touristen geschätzt und respektiert werden.

Banditentum

Laut Definition der Polizei aus dem 19. Jahrhundert war ein Bandit ein Mann, der sich als Antwort auf eine Ermahnung in die Macchia, in den „grünen Palast“, zurückzog und somit zum Vogelfreien wurde. Und ein Bandit der nicht gefunden werden wollte, wurde auch nicht gefunden, es sei denn er wurde verraten. Meistens aber erhielt er den Rückhalt der Menschen, obwohl er sowohl Freund als auch Feind der Bevölkerung sein konnte.

Der Begriff des „Ehrenbandit“, gesucht von der Obrigkeit und unterstützt von der Bevölkerung, klingt beinahe schon romantisch. In Wahrheit aber forderte das Banditentum zwischen 1818 und 1852 über 4500 Todesopfer. Zurückgezogen in den Bergen und der Macchia, terrorisierten und erpressten sie nicht nur die Staatsordnung sondern auch die Bürger. Als Bandit hatte man damals also einen gewissen Einfluss und wurde nicht umsonst „percepteur“ (Finanzbeamter) genannt. Gegen Ende des 19. Jahhunderts wurde es ein wenig ruhiger im grünen Palast, aber 1920 wurden die Banditen wieder stark aktiv und setzten sich abermals über die Kräfte hinweg. Einige von ihnen waren in der Bevölkerung sogar sehr beliebt und wurden weiterhin unterstützt und gedeckt. 1935, nach einer von der französischen Armee geleiteten Razzia auf ganz Korsika, wurde Spada, der letzte Bandit, öffentlich auf dem Place Saint Nicolas in Bastia hingerichtet.

FLNC – Separatisten und Nationalisten

Besonders in den 1980er Jahren geriet die Insel der Schönheit wieder in die Schlagzeilen. Die Separatistische Befreiungsorganisation FLNC (Front de Libération National de la Corse) war in militante Aktionen verwickelt, die die Bevölkerung spalteten.

Geschwächt und vergessen von den Franzosen in der Nachkriegszeit, verstärkte sich auf Korsika wieder der Nationalstolz. Als Anfang der 60er Jahre 17.000 algerische Kolonialisten nach Korsika auswanderten und von der französischen Regierung im Weinbau subventioniert wurden, wurde das Feuer geschürt und es kam zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Korsen und Franzosen. Daraufhin wurde 1976 die FLNC gegründet. Ihr Ziel war es, großen Sachschaden anzurichten und so verübten sie Sprengstoffanschläge auf von Ausländern betriebene Tourismusanlagen und Sommervillen von Festlandfranzosen; Banken und Staatsgebäude wurden attackiert. Im Unterschied zu anderen ethnisch begründeten Gruppen, wollten sie keine Menschenopfer bringen.

Die Regierung versuchte die Partei mit Schmiergeldern klein zu halten, doch spitzte sich dadurch die Lage weiter zu und forderte Menschenopfer unter eigenen Kameraden und deren Anhänger. Ab Anfang der 90er Jahre zersplittete sich die Partei innerlich und es kam zu mafiösen Zügen, dessen Höhepunkt im Bruderkrieg 1995 lag. Die Bevölkerung reagierte mit Friedensdemonstrationen und distanzierte sich von der radikalen Partei. Auf eine Umfrage 1996 zur Unabhängigkeit Korsikas von Frankreich antworteten 96% mit NEIN. Denn seit Mitte der 80er Jahre wurde Korsika wirtschaftlich von der französischen Regierung unterstützt z.B. im Straßenbau oder in der Müllabfuhr. Ein Regionalparlament wurde eingeführt und den Korsen mehr Autonomie in ihren politischen Entscheidungen zuteil.

Heutzutage sind die Anhänger der FLNC Nationalisten. Sie wollen keine Autonomie mehr, sondern selbst über die Inselangelegenheiten entscheiden. Die Franzosen gelten für sie seit 1768 als Besetzungsmacht. Doch die Corsica Nazione/Libera, eine legale abgespaltete Partei der Separatisten, wurde mit noch nicht einmal 6% bei den letzten Wahlen von der Bevölkerung zurechtgewiesen. Die Korsen wollen eben auch keine gewalttätigen Aktionen mehr, denn das könnte ihre wichtigste Einnahmequelle – den Tourismus – gefährden.

Man sagt der FLNC nach, dass sie der Grund seien, dass es heute keine Touristenhochburgen und zugebaute Ferienanlagen gibt. Das mag auch stimmen und bis dato gab es kein ausländisches Opfer in ihrem Freiheitskampf. Heute gibt es noch vereinzelte Anschläge nachbarschaftlicher Streit-Kultur. Junge Korsen jedoch scheinen sich wieder mehr für die extreme Variante zu entscheiden, statt die legale – politisch wirkungsvollere – Methode zu wählen. Doch Touristen bekommen davon nichts mit. Und so kann Korsika als ein sicheres Reiseziel eingestuft werden.

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